Feuerengel

Die mit dem Schicksal tanzte

Hintergrund I

Nachdem ich ja nun festgestellt habe, dass hier offenbar mehr Leser über mein Blog strumpeln, als ich erwartet hatte, und meine Gedankengänge manchmal etwas verworren sind, habe ich mich entschieden, hier nach und nach ein bisschen aus meinem Hintergrund zu plaudern…  vielleicht wird manches dann für den einen oder anderen verständlicher.

Eine ziemlich entscheidende Erfahrung in meinem Leben ist wohl, dass ich im Alter von ca. 16 Jahren an einer Angststörung erkrankt bin. Diese Entwicklung hat sich zwar praktisch in meiner Kindheit abgezeichnet, wurde aber nie ersthaft wahrgenommen.

Als Kind war ich zwar immer ängstlich und habe mich sehr oft in eine Traumwelt geflüchtet, aber das wurde eigentlich immer nur mit dem Spruch „das Kind hat ja so viel Fantasie“ abgetan. Aus heutiger Sicht war es tatsächlich eine Flucht in eine Welt, in der es nichts gab, was mich verunsicherte oder mir Angst gemacht hat. Scheinbar überforderte es mich schon damals häufig, mich mit der Realtität auseinander zusetzen. Nichts desto trotz habe ich meine Kindheit als glücklich in Erinnerung. Und so lange die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, mir vertraut waren, gab es eigentlich keine Probleme.

Als ich 16 war, langsam flügge wurde, meinen ersten Freund hatte und mich selber sehr unter Druck setzte, weil ich in der Schule und bezüglich der Suche nach einer Lehrstelle plötzlich ziemlich ehrgeizig wurde, wurde langsam sprübar, dass etwas nicht stimmte.

Die ersten Anzeichen wurden eigentlich nur als „nervöse Beschwerden“ abgetan, nach dem Motto das verwächst sich. Später wurden daraus angebliche Lebensmittelallergien und noch einiges andere. Wahrgenommen habe ich selber „nur“ massive Kreislauf- und Magenprobleme. Dass diese Probleme meistens in bestimmten Situationen auftraten habe ich nicht registriert. Diese Situationen waren meistens in der Schule, in großen Räumen, in Menschenmassen etc.

Sehr schnell fing ich an, mich vor einigen dieser Situationen zu drücken. Kino ging zum Beispiel gar nicht. Immer war die Angst da ohmächtig zu werden oder die Angst davor, mich übergeben zu müssen (beides ist übrigens nie passiert!!)

Es gab Phasen, in denen die Symptome nur selten oder schwach auftraten und ebenso gab es Phasen, in denen sie so stark waren, dass ich kaum in der Lage war das Haus zu verlassen, geschweige denn einen Supermarkt zu betreten. So gab eine Situation, als ich mit M. zusammengelebt habe und zu einem besonderen Anlass was tolles kochen wollte. Natürlich sollte alles fertig sein, wenn er nach Hause kam, aber ich saß zwei Stunden lang im Auto vor dem Supermarkt und konnte da nicht reingehen.

Selbst wenn es mir nicht so schlecht ging plante ich im Geiste schon vorher, wie ich am schnellsten durch den Supermarkt kam, ohne was zu vergessen und wenn etwas an einer anderen Stelle zu finden war als vorher, war das eine riesige Katastrophe. Wenn ich in der Schlange an der Kasse stehen musste, war ich überzeugt davon, jede Sekunde ohnmächtig zu werden.

Im Laufe der Jahre habe ich meine Lebensbereiche durch diese Krankheit immer weiter einschränken lassen. Ich war immer wieder in einem Gedankenkarusell gefangen, bekam Panikattacken, die ich nicht als solche erkannt habe….

Aber das wohl schlimmste war, das NIEMAND in meinem Umfeld etwas davon wußte oder ahnte. Zwischen meinem 16. und meinem 35 Lebensjahr war ich insgesamt nur 6 Monate nicht in einer Partnerschaft. Und diese Partnerschaften waren alle reativ lang. Aber einzig mein Ex-Mann wußte irgendwann, was mit mir los war. Irgendwann spürte er förmlich, wenn ich in Panik geriet, auch wenn niemand anderes, der mit uns zusammen war, das bemerkt hätte.

In all den Jahren gab es immer wieder Ärzte, die nach einer Weile meinten „wenn das jetzt nichts bringt sollten sie zum Psychiater gehen“. Nur leider immer auf eine Art und Weise, die niemanden dazu bringt, über diesen Weg tatsächlich nachzudenken. Ich denke, wenn Ärzte in diesen Dingen einfühlsamer wären und anders mit betroffenen Patienten umgehen würden, wäre mir wesentlich eher aus diesem Kreislauf herausgeholfen worden. Alleine ist ein Entkommen unmöglich.

Richtig schlimm wurden die Angst und die Panik allerdings erst in dem Moment, in dem ich, zusammen mit meinem Mann, meine Heimat verlassen habe. Vorher begann sowohl körperlich als auch emotional eine extrem anstrengende Zeit. Angefangen hatte alles damit, dass mein damaliger Arbeitgeber kaum noch die Löhne aufbringen konnte und meine Chefin ihren eigenen Job verloren hatte. Eigentlich war klar, dass sie meinen Job ebenso gut machen konnte und dafür ein Gehalt weniger fällig wäre. Sie hätten mich aber nie von sich aus entlassen. Es war ein sehr familiärer Umgang in der Firma, die auch nur sehr klein war.

Da ich aber ohnehin den Wunsch hatte mich beruflich zu verändern und umschulen wollte, bat ich um meine Entlassung. Leider wurden damals einige Terminierungen des Arbeitsamtes geändert und so sollte die Umschulung erst später beginnen. Da ich nun den ganzen Tag allein zuhause saß, wurde ich ziemlich schnell ziemlich deprimiert und es ging mir zusehens schlechter. Durch die Behandlung einer Heilpraktikerin fand ich dann aber den Antrieb, mich nach einem Job in der Stadt umzusehen, in der mein Mann schon arbeitete.

Ich bekam auch erstaunlich schnell Zusagen und konnte mir den Arbeitsplatz praktisch aussuchen. Damit stand fest, wir ziehen um….  Ziel war ein Umzug vor Weihnachten. Das ist heute fast auf den Tag genau 8 Jahre her. Fatal war, dass ich morgens um 5 Uhr das Haus verlassen musste. um pünktlich um 7 Uhr auf der Arbeit zu sein. Und wegen des Verkehrsaufkommens war ich oft erst abends um 19 Uhr wieder zuhause, manchmal war es auch wesentlich später.

Dazu kam die Aufregung, die von alleine da ist, wenn man sich in ein neues Arbeitsfeld einarbeiten muss. Dann noch die Wohnungs- bzw. Haussuche. Nebenbei wollten noch das Haus und der Garten gepflegt werden, von unseren Tieren ganz zu schweigen. Als dann ein neues Zuhause gefunden war, musste das auch noch hergerichtet werden. Es war praktisch ein Rohbau, also Erstbezug und wir mussten – und wollten – alles selber renovieren.

Nach zweieinhalb Monaten der ewig langen Fahrten zogen wir am 15.12.2000 um und dann kam, womit ich nie gerechnet hatte. Es ging mir wesentlich schlechter und ich hatte extremes Heimweh. Ich rutschte immer tiefer in die Ängste und habe das Haus nur noch verlassen um zur Arbeit zu gehen. Aber auch da überkamen mich immer häufiger massive Panikattacken. Die ich immer noch nicht als solche erkannte.

Erst zwei Jahre später – nach einem Arztwechsel – bekam das Kind einen Namen. Und diesem Arzt bin ich bis heute sehr sehr dankbar.

Als ich das erste Mal zu ihm kam nahm er sich ungewöhnlich lange Zeit für mich und ließ mich – durch geschickte Fragetechnik – erzählen. Ab und an hinterfragte er… ansonsten redete ich. Nach einer Stunde sagte er „Frau Feuerengel, sie bekommen alle Medikamente von mir, die sie brauchen und die ihnen helfen. Aber damit bekämpfen wir nur die Symptome. Das was Sie haben ist eine Angststörung. Und gegen diese Angststörung können wir etwas tun…….“

So kam es, dass ich mich einige Tage später auf die Warteliste eines Psychotherpeuten eintrug, zwei Wochen später zu einer Selbsthilfegruppe des „Agoraphobie e.V.“, betreut durch einen Heilpraktiker für Psychotherapie stieß und knappe vier Monate später meinen ersten Termin bei dem Therapeuten hatte.

Insgesamt habe ich zwei Jahre diese Selbsthilfegruppe besucht und eineinhalb Jahre die Therapie gemacht. Zu Beginn hieß es, die Heilungschancen liegen bei ca. 70%. Ich kann heute sagen, dass ich zu 100% geheilt bin. Sehr selten, wenn ich unter besonderem Stress stehe oder extrem übermüdet bin, merke ich, dass das eine oder andere Symptom sich bemerkbar machen will, aber durch die Techniken die ich im Rahmen der Verhaltenstherapie gelernt habe, gelingt es mir, diese Symptome unter Kontrolle zu bringen und zu bekämpfen. Eine Panikattacke hatte ich in den letzten 5 Jahren praktisch nicht mehr.

Niemand ist an dieser Erkrankung Schuld. Sicher ist es so, dass die Anfänge dieser Erkrankung mir vorgelebt wurden. Und ich hatte ausreichend Zeit sie zur Perfektion auszufeilen. Sicher gibt es Situationen in meiner Kindheit, in der andere Einfluss hätten nehmen können, um diese Entwicklung zu verhindern. Aber alle Menschen, mit denen ich zu tun hatte, die Einfluss auf mich hatten, haben in bester Absicht gehandelt und keiner hat Fehler, die macht wurden, bewußt oder absichtlich gemacht. Sie wußten es nicht besser und ich trage niemandem etwas nach. Viele Menschen die ich kennen gelernt habe, die von solchen oder ähnlichen Angststörungen betroffen sind, hadern mit Ihrem Schicksal und z.B. mit ihren Eltern.

Ich habe gelernt, die Vergangenheit ist unabänderlich. Der einzige Weg, einen anderen Weg einzuschlagen ist, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen und nach vorne zu schauen. Als meine Mutter von meiner Erkrankung erfuhr machte sie sich Vorwürfte und wollte immer wieder wissen, was sie falsch gemacht hätte. Sicher gibt es Dinge, die mich belastet haben, aber sie war sich dessen nie bewußt und sie kann nicht aus ihrer Haut. Und das was vielleicht falsch war, ist vergangen und nicht zu ändern. Entscheidend ist, dass ich weiß, was im Argen lag und gelernt habe, damit weitestgehend umzugehen. (Aber das ist ein anderes Thema das ich vielleicht auch niederschreibe….  aber nicht heute)

Noch heute wirkt das, was ich den Jahren der Therapie gelernt habe nach. Viele Entscheidungen, die ich seit dem getroffen habe, wären ohne diese Therapie nie denkbar gewesen.

Ein Stück weit ist meine Ehe dieser Therapie zum Opfer gefallen. Anfangs hatte ich alle Unterstützung meines inzwischen Ex-Mannes, doch je mehr Selbstbewußtsein ich aufbaute und je mehr ich aufbegehrte und mir nicht mehr alles gefallen lassen wollte, desto schlechter konnte er damit umgehen. Zum Schluss hat er – wahrscheinlich unbewußt – versucht, meine Entwicklung umzukehren.

Heute trauere ich manchmal 16 Jahren nach, in denen ich nicht alles das tun konnte, was ich heute kann. Viele Erlebnisse, sei es Kino, Theater, Ausstellungen, Konzerte, etc. habe ich mir aus Angst vor der Angst verwehrt. Zeitweise habe ich in einem Kokon aus Watte gelebt und allenfalls vegetiert.

Einiges habe ich inzwischen nachgeholt, aber nach wie vor, habe ich viele Wünsche, die ich mir erfüllen möchte, Dinge, die ich erleben möchte und Dinge, die ich nicht mehr aufgeben oder verlieren möchte…

6 Kommentare

  1. Na, dann nix wie raus!
    Have Fun!

  2. :)
    Agoraphobie hätte ich anhand der Beschreibung auch (differential-)diagnostiziert. Man lernt doch was im Studium *juhu*
    Aber schön, dass es trotz der Verzögerung einen guten Verlauf eingeschlagen hat.

  3. Und jetzt klappt das auch mit ’nem Kinobesuch?
    Was Ärzte angeht, so habe ich da auch so meine Erfahrungen gemacht und mich mit meinem Leiden alleine gelassen gefühlt.
    Ich leide unter Migräne, nur egal welchen und wieviele Ärzte ich auch aufgesucht habe, alle mich nicht verstanden oder wollten mir nicht zuhören. Ja es wurde mir sogar gesagt das ich mir die Migräne und die Kopfschmerzen einbilde. Da kam dann ein Punkt, wo ich den Ärzten nicht mehr traute und auch keinen aufgesucht habe.
    Bis ich meinen jetzigen Hausarzt aufsuchte, der mir zuhörte und mit dessen Hilfe ich die Migräne halbwegs im Griff habe.
    Ja, von wegen Ärzte und Götter in weiß. Diese Erfahrung hat mich damals schwer enttäuscht.

  4. @ Hans

    jawollja!!

    @ Robby

    jupp… wäre eigentlich schon früher ganz einfach gewesen ;-)

    @AndiBerlin

    Jetzt klappt alles, Kino, Konzerte, Theater, Shopping bis der Arzt kommt, etc…
    Nie locker lassen, es gibt immer irgendwo jemanden, der eine akzeptable Lösung anbieten kann!!

  5. Dein Bericht hat mich, auf Grund von Parallelen grad schlichtweg umgehauen. Es ist schön zu lesen, dass Du es geschafft hast und Dein Leben heute geniesen kannst =)

    Gleichzeitig stimmt es mich nachdenklich, warum es so schwer ist Hilfe von außen anzunehmen? – zumindest geht es mir so…mhmmm.

  6. @ Evo

    Es ist nicht schwer, Hilfe anzunehmen… es ist nur schwer, sich eine Schwäche einzugestehen…. dabei ist es eine Schwäche KEINE Hilfe anzunehmen…

    Wer seine Schwächen annimmt und sie akzeptiert ist derjenige der stark ist…

    Welches sind denn die Parallelen?

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